Die "Rötz Provisorien"

Dokumentierter Zeitraum von Markenmangel im Postamt Rötz Oberpf. ab dem 4. 7. 1954
Über weite Strecken sind die Paketkartennummern lückenlos!

[©j.kraft, 2004] Zum 1. 7. 1954 hatte es eine Gebührenerhöhung der Deutschen Bundespost gegeben. Das alleine wird jedoch sicher nicht der Grund für den Markenmangel gewesen sein. Tatsächlich sprechen die nachfolgend abgebildeten Belege für sich. Klicken Sie auf die jeweiligen Bilder zum Vergrößern. Das erste Bild ist die gültige Gebührentabelle für Paketgebühren ab dem 1. 7. 1954. Zu beachten ist auch, alle Belege wurden von einem Schalterbeamter bedarfsgemäß ausgefertigt und unbeanstandet befördert. Das nur für alle Skeptiker, die an Hand von Vorschriften beweisen wollen, das es die Belege hier nicht geben kann. Beleg "373" beweist das alle 70er Posthornmarken vom Bogen stammen. 372 und 373 zeigen lustlos abgerissene Marken, die 373 mit Resten vom Unterrand. Offensichtlich gab es einen Brief- und einen Paketannahmeschalter. Am Paketschalter war ein älterer Stempel mit durchgehender Brücke und Buchstabe "b" im Einsatz. Am Briefschalter ein modernerer Typ mit Buchstaben "a". Beim Beleg "388" ist die Vorderseite mit einer 70 Pf (mit was sonst?) beklebt und dem alten Stempel 19.7. 16-17 Uhr gestempelt. Auf der Rückseite klebt eine weitere 70 Pf von einem anderen Bogen stammend (anders zentriert) und mit dem Briefschalterstempel entwertet! Die Ration 70 Pf Marken für den Tag am Paketschalter war wohl schon aufgebraucht. Man beachte: Es war das erste Paket an diesem Montag Morgen! Reste vom Samstag, siehe Nr. "387" waren davor am mit 70 Pf Marken frankiert worden und am 19.7.54 gestempelt, obwohl die Notopfermarke schon am 17.7.54 gestempelt war! Chaos in Rötz! Praktisch jede Paketkarte zeigt den richtigen Portobetrag und es kleben zu wenig Marken auf den Paketkarten.

Vorstellbar wäre natürlich ein Betrug zum Schaden der Post durch die Schalterbeamten. Der lag aber nicht vor. Vorschrift war, das erforderliche Porto auf der Paketkarte zu notieren und zu kassieren. Was von dem Betrag nicht in Marken verklebt wurde, musste in ein Kassenbuch für Bareinnahmen eingetragen werden. Die Postbeamten, nicht nur in Rötz, führten Kladden, gebundene Bücher, in denen Bar vereinnahmte Beträge zu notieren waren. Diese wurden täglich abgerechnet und kontrolliert. Die Kasse, Bareinnahmen, Briefmarkenbestand und verkaufte Briefmarken wurden nach Schalterschluß abgerechnet. Mir liegt zwar das Buch für die Bareinnahmen nicht vor, mir wurde aber auch von Postbeamten, die in den Jahren Schalterdienst machten, genau dieses Verfahren bestätigt. Der bezahlte und vereinnahmte Betrag ist auf dem Paketkartenstammteil und auf dem Quittungsteil vermerkt. Jahre später wurde ohnehin nur noch ausnahmsweise und auf Wunsch des Absenders, eine Freimachung von Paketkarten mit Briefmarken zugelassen. Ein besonderer Vermerk über den nicht mit Marken freigemachten Betrag war weder vorgesehen noch notwendig. Das bezahlte Porto ist zweifach quittiert, was davon mit Marken bezahlt wurde ergibt sich aus den verklebten Marken. Dabei ist auch unerheblich, ob der Absender die Briefmarken vorher gekauft hatte und was er eben hatte selbst frankierte oder ob der Schalterbeamte bei der Aufgabe des Paketes die Marken verkaufte, die dann einen Teil der Gebührenentrichtung ausmachten.
Ein einfaches Indiz für die Korrektheit der Frankatur und damit der Teilbarfreimachung, ergibt sich daraus, dass die Pakete ja an die unterschiedlichsten Postämter gingen. Die Zusteller haben sicher auch bemerkt, das der quittierte Betrag von der Frankatur abweicht. NIE wurde Nachgebühr erhoben! Logisch! Das korrekte Porto war ja quittiert! Die interne Verrechnung ist Sache der Postbuchhaltung. "DIE POST" in Form des Postbeamten, hat das korrekte Porto berechnet (kann man nachvollziehen) und quittiert! Fertig ist der portogerechte Beleg.

Gebührentabelle "286" Samstag, 3.7.54 "287" Sonntag! 4.7.54 "288" Sonntag! 4.7.54 "305" Dienstag, 6.7.54
"353" Dienstag, 13.7.54 "324" Donnerstag, 8.7.54 "354" Dienstag, 13.7.54 "357" Mittwoch, 14.7.54 "358" Mittwoch, 14.7.54
"359" 14.7.54
Bei H. Köhler Ausruf
€ 250,-
"360" vom 14.7.54
Ausruf € 300,-
"361" 14.7.54 "365" 14.7.54 "368" Donnerstag, 15.7.54
"369" vom 15.7.54 "370" Donnerstag, 15.7.54 "371" Donnerstag, 15.7.54 "372" 15.7.54 "373" 15.7.54
"379" Samstag, 17.7.54 "380" Samstag, 17.7.54 "381" Samstag, 17.7.54 "387" Samstag, 17.7.54 "388" Montag, 19.7.54
"389" 19.7.54 "391" 19.7.54 16-17 Uhr "392" 19.7.54 16-17 Uhr "393" 19.7.54 16-17 Uhr "394" erstes Paket am 20.7.54
"395" 20.7.54 "396" 20.7.54 "397" "398" "404" Mittwoch, 21.7.54
"405" 21.7.54 "406" 21.7.54 "440" Samstag, 24.7.54 "441" "442"
"444" Montag, 26.7.54 "445" Montag, 26.7.54 "446" und "447" "448" "449" und "450"
"451" 26.7.54 "452" "453" "474" Donnerstag, 19.7.54 "493" Samstag, 31.7.54
"495" "496" 31.7.54 "668" Samstag, 21.8.54 es gibt wieder Briefmarken in Rötz "677" Montag, 23.8.54, wieder nur 70 Pf, diesmal aber portorichtig! "678" schon wieder war 1,40 portogerecht!

In dem unverständlich langen Zeitraum vom 4. 7. 1954 bis 31. 7. 1954 gab es auf dem Postamt Rötz nur eine einzige Sorte Briefmarken, nämlich die 70 Pf. Posthorn. Das schließt die Verwendung anderer Marken im Besitz des Publikums natürlich nicht aus. In meiner Belegsammlung ist die nächste Paketkarte mit korrekter Frankatur vom 21. 8. und hat eine Heuß Zusatzfrankatur. Zumindest bei der Frankatur von Paketkarten wurden nur 70 Pf. Posthorn verwendet. Der Rest muss bar freigemacht worden sein. Interessanterweise gibt es eine Menge Belege die ich finden konnte. Darunter die Beschreibung von zwei verschiedenen Auktionshäusern die aus aus dem Phänomen unterschiedliche, wenn auch falsche Schlüsse zogen.

Betrachten wir das zweite Bild, die erste Paketkarte aus der Zeit. Die Paketkarten sind nach den Einlieferungsnummern sortiert und damit automatisch nach dem Datum:

70 Pf. Posthorn auf Paketkartenrückseite. Vorderseitig nur noch die obligatorische Notopfermarke. Das Paket ging von Rötz nach Baden-Baden. Das war die 3. Zone und musste bei einem Gewicht von 6 - 7 Kg mit 1,70 DM freigemacht werden. Der Schalterbeamte war, vermutlich wegen des Markenmangels, ziemlich im Stress. Erst schrieb er 1,00 auf die Paketkarte, dann verbesserte er das, in korrekte DM 1,70. Ich garantiere die bedarfsmäßige Verwendung und das keine Marke von dem Beleg abgefallen ist oder sonst entfernt wurde. Das Paket wurde offensichtlich am 3. 7. 1954 zwischen 15 und 16 Uhr am Schalter aufgegeben. Es wurde die Notopfermarke aufgeklebt und gestempelt. Das Porto wurde offensichtlich kassiert. Genau genommen wird der Absender wohl 1,72 bezahlt haben. Offenbar hat der Schalterbeamte daran geglaubt, dass am nächsten Morgen Briefmarken eintreffen würden. Als das wohl nicht geschah, hat er eine! 70 Pf. Posthorn aufgeklebt und mit dem selben Poststempel (wie die Notopfermarke am Vortag) vom 4. 7. 1954  10-11 Uhr gestempelt. Bei 1,70 Porto und vorhandenen 70 Pf. Marken hätte er ja zwei Stück aufkleben können, dann hätten nur noch 30 Pf. an Briefmarken gefehlt. Vielleicht konnte er auch seine eigene Schrift nicht mehr lesen oder war von dem geänderten Absendervermerk (von unfrei auf frei) vollständig verwirrt. Das es sich nicht um ein einmaliges Versehen handelt, können Sie jedoch hier sehen.

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